Der Chefredakteur der WAZ gratuliert seinen Redaktionen öffentlich zum
Geburtstag des Blattes. Er tut dies in einer Sonderbeilage, die in mehreren
100.000 Ausgaben drinsteckt und im Netz, wo Millionen Interessenten Zugriff
haben.
Mit seiner Geschichte, mit deren Thema und dem Inhalt hat sich Ulrich
Reitz wohl ein klassisches Eigentor geschossen. Ein Klassenlehrer würde seinen
Schülern in einem solchen Fall "Thema verfehlt" bescheinigen.
Der Chef
aller WAZ-Redaktionen, deren Mitarbeiter momentan eher mit Kündigungen als mit
Lob aus der Chefetage rechnen, möchte seinen Leserinnen und Lesern erklären, wie
eine Story entsteht. Eine große Geschichte muss das sein und eine, die vor
Vitalität nur so strotzt. Das Blatt wird schließlich 65 und Rentner sind heute
auch vital. Und Vergangenheit und Zukunft müssen verbunden werden, sinnvoll
versteht sich. Ach ja, ein Nutzen für die Leser, der sollte als Ergebnis am Ende
auch vorhanden sein.
Die WAZ ist ein Blatt des Ruhrgebiets, kommt tief
aus dem Westen. Was läge da näher, als im Bereich des Bergbaus nach Themen zu
suchen. Das Rei(t)z-Thema ist leicht gefunden: Sollen die Redakteure doch einmal
herausfinden, welche Häuser und Grundstücke im Revier in welchen Straßen wie
gefährdet sind durch den Bergbau der jüngeren Vergangenheit.
In seinem
Beitrag an die "lieben Leserinnen und Leser" erklärt der Chef der WAZ viel über
"Big Data". "Redakteure können sich die Messdaten aller Flüsse in
Nordrhein-Westfalen beschaffen. Sie können es jedenfalls versuchen", schreibt
Reitz. Dass die Redaktion im Übrigen klagt, wenn die Behörde die Daten nicht
herausrücken will, auch klar: "Wenn die Behörde sagt, uns doch egal, wird sie
eben verklagt", verkündet Reitz. Das ist ein Einblick in die
Radaktionsarbeit!
Wie er nun an das Thema seiner so interessanten, jeden
betreffenden und jedem nutzenden Story gekommen ist, bleibt völlig offen. Die
Gedankenschritte dorthin werden nur unzureichend deutlich.
Ich hätte mir
zum Beispiel als Thema vorstellen können, warum die RAG nicht mehr für Schäden
aufkommen will, die sie in den letzten 100 Jahren im Ruhrgebiet verursacht hat.
Warum Hausbesitzer plötzlich kein Geld mehr für Schäden an Ihren Häusern
erhalten sollen, die durch Bergschäden entstanden sind. Warum Bergschäden
plötzlich keine Bergschäden mehr sind.
Aber dabei müsste die Redaktion ja
einem kongenialen Geldvermehrungspartner gegen das Knie treten. Die unangenehmen
Fragen würden auf den Chefredakteur und dann auf die Geschäftsleitung
zurückfallen. Das passt wohl einigen nicht.
Im gleichen Atemzug werden in
der Fußnote zum Artikel ganz offen Vorschläge aus der Redaktion als nicht
brauchbar dargestellt. Herr Reitz meint dort, dass man über Facebook wohl auch
noch zum 70. Geburtstag schreiben könne. Er verhöhnt seine Untergebenen, wenn er
zum Beispiel das Thema Unabhängigkeit der Redaktion mit einem Wisch in den
Papierkorb befördert.
Insgesamt ist das ganze ein ganz schlapper Auftritt
des WAZ-Chefredakteurs. Die Redakteure aus den Fachbereichen haben dagegen die
restlichen Seiten der Beilage für interessante, dem Anlass angemessenen
Geschichten genutzt.
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